Marie Luise von Halem spricht zum Antrag auf Aktuellen Stunde der SPD-Fraktion "Gedenken an die 'Reichsprogromnach' vor 80 Jahren - Jüdisches Leben in Brandenburg heute"

14.11.18

- Es gilt das gesprochene Wort!

[Anrede]

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als ich Anfang November 1997, wenige Monate nach unserem Umzug nach Potsdam, zum Postamt am Platz der Einheit radelte und mich über das Blumenmeer wunderte, das da so seltsam unmotiviert vor einem relativ langweiligen Wohnhaus lag. Und dieses Gefühl der Entrücktheit hat mich dann auch als Teilnehmerin bei den Gedenkveranstaltungen all die Jahre begleitet: nicht nur der architektonische Bruch, sondern was für ein fundamentaler kultureller Verlust, welch unfassbare Grausamkeiten, derer wir da gedenken einmal im Jahr. Und all die anderen Tage: nur eine schlichte Tafel an der Hauswand. Ein monotones Wohnhaus.

Und was war das dann am letzten Freitag für eine Wohltat, vom Platz der Einheit hinüber gehen zu können zum Bauplatz der neuen Synagoge in der Schlossstraße. Die jetzt endlich gebaut wird, und der dann hoffentlich ein längeres Leben beschert sein wird als ihrer Vorgängerin, die nur 35 Jahre ihrem Zweck diente.

Sie kennen sicherlich alle die Stolpersteine von Gunter Demming, die wir in Brandenburg schon an 22 Orten haben. Zu ihrem Konzept gehört es, dass Jugend- oder Schulgruppen das Leben von im Dritten Reich Ermordeten, vornehmlich Juden, in ihrem Ort recherchieren, und deren Schicksal dann auf den Stolpersteinen kenntlich gemacht wird. Das ist ein wunderbares Projekt, in dem die Urenkel Verantwortung für die Zukunft übernehmen, weil sie begriffen haben, dass Religionsfreiheit und ethnische Vielfalt ein Grundfels unserer bundesrepublikanischen Geschichte ist und auch bleiben soll.

Und auch das jüdische Leben entfaltet sich hier. Hatten wir 1991 noch keine einzige jüdische Gemeinde in Brandenburg, gibt es heute sechs mit insgesamt 2.000 Mitgliedern. Wir haben eine Synagoge in Cottbus, den Staatsvertrag mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden, die jüdischen Studien an der Universität Potsdam, eine Rabbinerausbildung, das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, den Judenhof in Perleberg, jüdische Filmtage und manches mehr.

Aber hinter dem hellen Licht ist auch sehr viel Schatten. Hannah Arendt schrieb schon vor fast 80 Jahren “Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher”. Und das gilt leider auch für Brandenburg, wie wir aktuell dem neuesten Brandenburg-Monitor entnehmen können: 16% der Befragten sind der Meinung, der Einfluss der Juden sei auch heute noch zu groß, und weitere 19% stehen dieser Äußerung gegenüber der, Juden hätten nicht mehr oder weniger Einfluss als andere Menschen auch, neutral gegenüber. Nur 65% unterstützen diese letztgenannte These. Ein volles Drittel aller Brandenburgerinnen und Brandenburger meint also, Juden hätten mehr Einfluss als andere Menschen! Diese Zahlen sind nichts Neues, wir kennen sie aus Heitmeyers Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit aus den Nuller-Jahren und aus der großen Antisemitismus-Studie des BMI vom letzten Jahr. Antisemitismus ist weit verbreitet in Deutschland, im Westen etwas weniger als im Osten, im linken politischen Spektrum weniger als im rechten, unter den Anhängern von Bündnis 90/Die Grünen am wenigsten und bei der AfD, wie zu erwarten, am meisten. Interessanter Weise ist klassischer Antisemitismus bei Menschen mit niedriger Schulbildung gut viermal so häufig anzutreffen wie bei Menschen mit hoher Schulbildung.

Das sollte uns ein Ansporn sein. All das Gedenken und Erinnern dient schließlich dem Zweck, daraus für die Gegenwart und Zukunft zu lernen. Es muss also den heute unter uns lebenden Juden zugute kommen!

Wir haben und brauchen unsere Brandenburgischen Gedenkstätten mit ihrer hervorragenden Arbeit, wir brauchen weiterhin wache und engagierte außerschulische Jugendarbeit (und brauchen uns nicht zu wundern, dass ausgerechnet die AfD deren Unterstützung kürzen will!) und die Konzepte an den Schulen. Hier müssen wir ansetzen. Und wenn es künftig gelingt, das Erinnern noch stärker mit dem Erleben jüdischer Kultur in der Mitte unserer Städte zu verknüpfen, dann können wir alle dabei nur gewinnen. Die neue Potsdamer Synagoge wird ihren Beitrag dazu leisten.

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Reden